Höchste Belastung und schlechte Arbeitsbedingungen

Auf den ersten Blick mag es widersprüchlich erscheinen, aber so lautet das der Belastungsstudie niedersächsischer Lehrerinnen und Lehrer, die Universität Göttingen unter Leitung von Dr. Frank Mußmann im Auftrag der GEW Niedersachsen durchgeführt haben. Die Lehrkräfte sind gleichzeitig gestresst und zufrieden. Ein wesentlicher Grund liegt in der hohen intrinsischen Motivation: Man ist überzeugt vom Wert der Arbeit und nimmt dafür so manche Widrigkeit in Kauf.

Das Gute Arbeitssituation

An der Studie haben 2108 Personen, die auch bei der Arbeitszeitstudie registriert waren, teilgenommen. Sie bestätigt vieles, was die Lehrkräfte vorher selbst wahrgenommen, aber nun ist es auf Grundlage einer wissenschaftlichen Untersuchung ausgewiesen.

Wesentliche Ergebnisse bei der Analyse der Arbeitsbedingungen lauten:

  • 85 % sind zufrieden mit der Arbeit, 95 % haben eine außerordentliche Identifikation mit ihrem Beruf
  • Gleichzeitig liegt die Bewertung der Arbeitsbedingungen bei 94 % im unteren Mittelfeld bzw. beim Ergebnis (sehr) schlechte Arbeit. Grundlage ist dabei der DGB-Index Gute Arbeit, ein seit Jahren anerkanntes Erfassungssystem vom Arbeitsbedingungen.
  • Im Index Gute Arbeit schneidet die Arbeitsintensität besonders schlecht ab. Neun von zehn Lehrern erleben oft oder sehr häufig Zeitdruck, drei Viertel müssen Abstriche bei der Qualität der Arbeit machen, um sie zu schaffen. Das machen sie nicht freiwillig: Über 80 % der Lehrkräfte empfinden dieses Runterschrauben als (eher) starke Belastung.
  • Großen Lärm erleben vier Fünftel der Lehrkräfte regelmäßig, auch dies ist ein großer Stressfaktor und nicht einfach wegzustecken.
  • Positiv hervorzuheben ist die starke Betriebskultur: Fast 90 % erleben Kollegialität und Unterstützung. Wo, kein gutes Betriebsklima herrscht, ist dies allerdings sehr belastend.

 

Fazit: Die gegenseitige Unterstützung und der Sinn der Arbeit helfen den Kolleginnen und Kollegen dabei, mit den Rahmenbedingungen klar zu kommen. Auf Dauer gelingt das allerdings nicht: Nur jeder Vierte hält es für wahrscheinlich, ohne gesundheitliche Einschränkungen den Ruhestand zu erreichen.

Das Schlechte Arbeitssituation

Die größten Stressfaktoren
Die Göttinger Forscher haben die Belastungsfragen mit den Tätigkeitskategorien der Arbeitszeitstudie verknüpft. Ergebnis: Arbeiten, in denen personen-bezogene Entscheidungen gefällt werden, sind die größten Stressfaktoren: Abschlussprüfungen, Korrekturzeiten, Gutachten und Leitungstätigkeiten bekommen die höchsten Bewertungen, was für hohe Belastungen steht. Auch Konferenzen und Fahrten mit Übernachtung haben hohe Punktzahlen. Kleinere Fallzahlen – also kleinere Klassen – können hier Abhilfe schaffen. Dies hilft dann auch bei anderen großen Belastungen wie Lärm, der Begleitung von schwierigen Schülern oder dem Umgang mit respektlosen Eltern. Diese Faktoren wurden von etwa 80 Prozent der Lehrkräfte als (sehr) belastend angegeben. 69 % der Lehrkräfte sagen generell, dass die Arbeit in großen Klassen besonders anstrengend sei.

Alltag von älteren Lehrkräften: längeres und stressigeres Arbeiten
Eine Stunde weniger unterrichten ab 55 Jahre – diese Maßnahme hat die Landesregierung vor drei Jahren gestrichen. Die Arbeitszeiterhebung und die Belastungsstudie zeigen, dass eine solche Ermäßigung dringend geboten ist. Es gilt: Je älter, desto länger wird die Arbeitszeit. Ab 55 sind mehr als 50 Stunden die Regel. Und es gilt: Je älter, desto größer der Anteil an besonders belastenden Tätigkeiten. Dieser Anteil steigt nicht nur in absoluten Zahlen, sondern auch in Relation zu den anderen Tätigkeiten: an Grundschulen von 9 auf 23 Prozent, an Gymnasien und Gesamtschulen von 15 auf 27 Prozent.

Aufgaben in der Schule
Die Studie weist hohe Beanspruchungen aus, die mit neuen Anforderungen wie Inklusion und Ganztagsschule verbunden sind. Außerdem belasten der Umgang mit schwierigen Schülerinnen und Schülern, die Wahrnehmung des umfassenden Erziehungsauftrags, große Klassen, Klassenleitungstätigkeiten und Dokumentationsaufgaben.
Handlungsbedarf aus der Arbeitszeitstudie bestätigt

Die Ergebnisse der Belastungsstudie untermauern die Ergebnisse der Arbeitszeitstudie: Vollzeitkräfte arbeiten am Limit und darüber hinaus, Teilzeitkräfte leisten erhebliche unbezahlte Mehrarbeit, ebenso ältere Lehrerinnen und Lehrer. Die Landesregierung ist in der Pflicht, dringend die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Wenn drei Viertel der Lehrer Abstriche an der Bildungsqualität machen müssen, um das Pensum zu schaffen, ist das kein hinnehmbarer Zustand.

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